Der Kaiser hat ja nichts an!

Warum der Dialogprozess “Alte Mitte – Neue Liebe” bislang keineswegs ein Erfolg ist: Entgegen der öffentlichen Darstellung des Dialogprozesses “Alte Mitte – Neue Liebe” durch die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher ist der Prozess grundsätzlich falsch ausgerichtet und in seinem bisherigen Verlauf mehr als enttäuschend – er stellt eine sinnlose Verschwendung öffentlicher Mittel dar.

Die Planungsgruppe Stadtkern veröffentlicht diese Stellungnahme mit dem Ziel, dass der Dialogprozess in der zweiten Phase nach den Sommerferien nachgesteuert wird und baldmöglichst ernsthaft über die Zukunft der Berliner Mitte diskutiert werden kann.

Die falsche grundsätzliche Ausrichtung des Dialoprozesses:

  • Der auf die Koalitionsvereinbarung von 2011 zurückgehende Dialogprozess hätte umgehend gestartet werden müssen, nicht erst 2014. Jetzt wird der Prozess, egal wie er ausgeht, im einsetzenden Wahlkampf zerredet.

  • Die Verengung der Diskussion auf den Leerraum unter dem Fernsehturm ist problematisch. Durch sie gerät der umliegende Stadtkern aus dem Blick. Im Stadtkern wird aktuell viel gebaut und noch mehr geplant – diese mehrheitlich verhängnisvolle Veränderungen bzw. Planungen geschehen nahezu unbemerkt von Fach- und allgemeiner Öffentlichkeit. Die Weitung des räumlichen Horizonts der Debatte hätte zudem die Schärfe der Auseinandersetzung gemildert und mehr Konsens ermöglicht, da man sich in anderen Bereichen des Stadtkerns leichter auf ein gemeinsames Vorgehen (z.B. Reduzierung der Straßenbreiten, Verlängerung der Straßenbahn, Bebauung des Molkenmarktes) einigen kann.
  • Der Senat leidet an einer Kognitiven Verzerrung (engl. cognitive bias), einer systematischen fehlerhaften Neigung u.a. des Erinnerns. Er tut so, als wäre vor 1933, vor 1990 und selbst vor 2015 nichts Erinnerungswertes gewesen. Die gesamte Planungs-, Bau- und Besitzgeschichte der Vormoderne, des Nationalsozialismus, der DDR und der Nachwendezeit wird ausgeblendet. Wer die Geschichte seiner Stadt nicht kennt, kann nicht beurteilen, ob der aktuelle Dialog etwas Wertvolles ignoriert und unterdrückt.
  • Berlin diskutiert seit einigen Monaten allein über den gegenwärtigen Bestand und die Möglichkeiten, noch mehr kostenlosen Spaß auf der Freifläche am Fernsehturm zu haben. Eine weitere „Ballermannisierung“ des Stadtkerns über den „Dungeon“ in der Spandauer Straße und die „Körperwelten“ im Fernsehturmfuß hinaus, droht.
  • Da die Berliner Kernstadt mit ihren vielfältigen Facetten und Geschichtsphasen bislang nicht mit einem Wort vorgestellt, kein einziges Bild von ihr gezeigt wurde, sind die Dialogteilnehmer nicht in der Lage, ein qualifiziertes Votum abzugeben. Das ist nicht nur unprofessionell, sondern hochgradig manipulativ.
  • Der Dialogprozess ist expertenfeindlich. Er fragt ganz allein die bislang Unbeteiligten, die leisen Stimmen, nach ihrer Meinung. Die wenigen Fachleute, die aufs Podium gebeten wurden, bekamen drei Minuten für ihren Beitrag zugestanden. Der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin von 1824, die Architektenkammer, der Bund Deutscher Architekten BDA Berlin, der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten – sie alle wurden nicht gefragt. Das ist nach dem Tempelhof-Desaster zwar verständlich, aber nicht gerechtfertigt.
  • Nicht nur historische Informationen sucht man im Dialogprozess vergebens: Es mangelt nahezu an jeglicher fachlicher Information zum strittigen Areal, die allgemein verfügbar wären (Broschüre, Ausstellung, Einführungsfilm).

Der unbefriedigende bisherige Verlauf und Stand der Dinge:

  • Das Abgeordnetenhaus, der Regierende Bürgermeister und der Baustadtrat des zuständigen Bezirks Mitte haben bislang kein Interesse am Dialogprozess erkennen lassen.
  • Meinungen wurden zahlreich eingesammelt, die Argumente hinter diesen Meinungen aber bislang nicht herausgearbeitet.
  • Die Debatte hat bislang nur eine verschwindend kleine Minderheit der Berliner erreicht. Die Teilnehmerzahlen nehmen zudem kontinuierlich ab (Auftakt im Umspannwerk: 600 Teilnehmer, Auftakt in der Kongreßhalle: 400, „Fachkolloquium“ 1: 150, „Fachkolloquium“ 2: 120, „Bürgerwerkstatt“: 80 Teilnehmer). Von einer Stadtdebatte kann keine Rede sein.
  • Die beiden großen städtebaulichen Lager (bebauen! versus freihalten!) stehen einander unversöhnlich gegenüber, keines hat sich bislang einen Millimeter bewegt – ihre Annäherung aber ist der Prüfstein des Erfolges für jeden ernsthaften Dialog über die Zukunft der Berliner Mitte.

Berlin, 14. Juli 2015

Planungsgruppe Stadtkern